Beginnend mit Kapitel 12 kommt Paulus auf ein weiteres Thema zu sprechen. Wahrscheinlich geht auch das auf eine Frage zurück. Dabei geht es um Geistesgaben. Den Korinthern war dieser Bereich wohl sehr wichtig. Und doch agieren sie damit scheinbar wie „Unwissende“, denn genau so beginnt Paulus ja seine Erklärungen (Über die Gaben des Geistes aber will ich euch, liebe Brüder, nicht in Unwissenheit lassen). Das klingt schon etwas ironisch und ist wahrscheinlich auch genau so gemeint.

Das „Unwissen“ zeigt sich wohl darin, dass es eine zu große Faszination für Dinge wie Zungenrede und Prophetie gab und diese Gaben selbstsüchtig eingesetzt wurden. Paulus hält dem entgegen, dass Geistesgaben immer zum Wohl der Gemeinde gegeben sind (V.7) und in ihrer Vielfalt ein besonderer Segen sind. Von daher wäre es ja gar nicht gut, wenn alle nur die gleichen spektakulären Gaben hätten.

Niemand sollte sich über Andere wegen seiner Gaben erheben. Die Gaben sind von Gott gegeben (V.11), damit durch sie die Gemeinde erbaut werden kann. Stolz und Eigennutz haben hier keinen Platz. Hier klingt auch durch, dass es keine Gabe gibt, die jeder Christ haben muss. Was vor allem zählt ist ohnehin nicht, welche Gaben wir haben, sondern wie wir sie einbringen. So endet Kapitel 12 mit den Worten: „Und ich will euch einen noch besseren Weg zeigen.“

Genau das tut Paulus dann in Kapitel 13. Viel wichtiger als alle spektakulären Gnadengaben ist die Liebe. Alles ist zwecklos, wenn es nicht in Liebe geschieht.

Dabei definiert Paulus die Liebe in wunderbaren Worten, die uns letztendlich die Liebe Gottes für uns vor Augen führen. Nur Gott liebt so, wie wir es im 1. Kor 13 lesen. Von daher wird uns ein ehrliches Lesen dieses Kapitels herausfordern und uns zeigen, in welchen Bereichen wir noch in der Liebe wachsen können. Als Nachfolger des Herrn, sollte das unser Bestreben sein. Dabei dürfen wir darum wissen, dass Seine Liebe in unsere Herzen ausgegossen wurde, so dass wir als Christen auch tatsächlich immer mehr so lieben können, wie Gott liebt. (siehe dazu Römer 5,5)

  • Möge die Liebe Gottes in uns immer mehr Raum einnehmen und möge unser Streben immer zuerst danach sein, mehr Liebe zu haben, anstatt uns primär auf spezifische Geistesgaben zu fokussieren.
  • Das ist es, was die „unwissenden“ Korinther lernen mussten. Und ich denke, dass diese Lehre auch heute hoch relevant ist.

Kapitel 14 bildet den Abschluss des Abschnitts zu den Fragen nach den Geistesgaben, der mit Kapitel 12 begann. Hier greift Paulus nochmals die beiden von den Korinthern scheinbar besonders wert geschätzten Gaben Zungenrede und Prophetie auf. Interessant ist dabei zum einen, wie er Prophetie definiert: „14:3 Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.“

  • Das beschreibt ein weites Feld … und trifft z.B. sicher auch auf Predigen und Seelsorge zu.

Interessant ist aber auch, dass er über Zungenrede sagt: „14:4-5  Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde.  5 Ich wollte, daß ihr alle in Zungen reden könntet; aber noch viel mehr, daß ihr prophetisch reden könntet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, damit die Gemeinde dadurch erbaut werde.“

  • Wenn aber Geistesgaben „zum Nutzen aller“ gegeben sind, wir in Kapitel 12,7 steht, dann stellt sich die Frage, in wie weit Zungenreden ohne Auslegung überhaupt biblisch ist?

Paulus ist auf jeden Fall darauf bedacht, dass die Erbauung der Gemeinde bedacht wird. Und dafür ist prophetische Rede wertvoller und Zungenrede nur mit Auslegung nützlich. Neben dem Kriterium „Erbauung der Gemeinde“ (14,26) sticht hier noch ein zweites Thema hervor, nämlich, dass alles ordentlich geschehen soll (14,33). So gibt Paulus klare Anordnungen, wie Dinge bei einem Zusammenkommen der Gemeinde ablaufen sollen. Dabei betont er glech dreimal, dass es manchmal geboten sein kann, zu schweigen (V.28; V.30; V.34).

Besonders umstritten ist das Schweigegebot in 14,34: „Wie in allen Gemeinden der Heiligen  34 sollen die Frauen schweigen in der Gemeindeversammlung; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt.“

Der unmittelbare Bezug ist dabei die Bewertung von Prophetie. Von daher verstehe ich das so, dass sich dieses Redeverbot eben auf diese Sache bezieht, die letztendlich denen obliegt, die die Lehrverantwortung in der Gemeinde tragen (den Ältesten). Ein generelles Redeverbot für Frauen stünde im Widerspruch zu den Aussagen bzgl Gebet und prophetische Rede in 11,5 und kann von daher hier nicht gemeint sein.